Embrace – der Film und seine Folgen

Vor ein paar Monaten habe ich beschlossen, eine Schreibpause einzulegen.

Nachdem ich allerdings vor einigen Wochen den Film Embrace gesehen habe, kitzelt es dermaßen in meinen Fingern, dass ich jetzt doch wieder loslegen muss.

Embrace hat etwas in mir ausgelöst, das ist klar. Embrace hat auch etwas in einem bestimmten Teil der Gesellschaft ausgelöst. Auf eine gewisse Art und Weise tauchen aber auch Dinge nach dem Film auf, die mich nachdenklich machen.

Taryn Brumfitt has embraced

Die wunderbare und inspirierende Macherin des Dokumentarfilms hat bei Facebook ein etwas anderes Vorher/ Nachher Foto gepostet und darauf eine Flutwelle an positiven- und negativen Reaktionen von Frauen und Männern erhalten. Durch den eigenen Lebens- und Leidensweg mit ihrem Gewicht und den dazugehörigen, negativen Gefühlen und die massiven Reaktionen auf ihren Post bekam sie das Bedürfnis, einen authentischen, emphatischen und realitätsnahen Dokumentarfilm über die Lebenswelt der „normalen“ Frau und die Beziehung zu ihrem Körper zu drehen.

Ich nehme Tyran jedes Wort, jede Szene und jede Emotion voll und ganz ab, denn sie ist eine von uns und versucht wirklich, die massage zu vermitteln, dass jeder Mensch sich lieben und annehmen darf, wie er ist.

Der Film hat so unglaublich viele, tiefe Momente. Z.B. Werden Frauen gebeten, Ihren Körper zu beschreiben. Mitten auf der Straße und spontan. Die Antwort eines großen Teils der Frauen war schlichtweg „abstoßend“. Es werden Frauen gezeigt, die dem Idealbild der Gesellschaft entsprechen und Frauen, die davon abweichen. Alle haben gemeinsam, dass sie unter einem höllischen Druck stehen, anders oder schöner aussehen zu wollen. Ich fand großartig, dass Tyran nicht nur mit dicken Frauen gearbeitet hat, sondern mit verschieden Frauen, die alle etwas gemeinsam hatten.

Tyran legt ganz deutlich Wert darauf, dass jede Frau mit jedem Aussehen schön und liebenswert ist und sieht davon ab, den Trend in eine andere Richtung gehen zu lassen. Wenn nun nämlich dünne Frauen aufgrund ihres Aussehens beschimpft werden, hat sich nichts geändert.

Dass Tyran Frieden mit sich selbst geschlossen hat und sich in jeder Hinsicht umarmt, sieht und spürt man. Die pure Authentizität und Inspiration.

 

 

 

 

Nora Tschirner has embraced

Puh, Nora Tschirner geht in meinem Universum eigentlich garnicht. Ich mag diese auf mich aufgesetzt wirkende, peppig, freche Art a la Lena Meyer Landrut eihgentlich nicht und auch in dem Film konnte sie mich nicht wirklich überzeugen. Das, was sie gesagt hat, war zwar toll und hatte Hand und Fuß, aber irgendwie konnte ich mir mein Vorurteil nicht ausreden, dass sie das alles nur des Geldes oder der PR wegen mitmacht. Dann habe ich sie in diesem Stern TV Interview gesehen und musste mich innerlich bei Ihr entschuldigen, denn wie sie dort reagiert hat, war ehrlich, authentisch und für die Sache. Sorry, also Nora. Ich werde vielleicht Deine Art zu sprechen, nie mögen, aber ich finde Dich als Frau jetzt super.

 

 

 

We have embraced

Ich muss schon sagen, dass der Kinosaal in der Stadt, in der ich mich gerade aufhalte, eher leer war. Dies kann entweder daran liegen, dass der Film auf Englisch mit Untertiteln gezeigt wurde, oder daran, dass dieser Film eher Menschen erreicht, die sich eh schon mit Bewusstseinsarbeit oder Spiritualität beschäftigen. Ich glaube sogar, dass fast nur Frauen aus sozialen Berufen in den 4 besetzen Reihen saßen. Zu meiner graßen Überraschung waren dann aber auch zwei Junge Männer mit ihren Freundinnen im Kino.

Nach dem Film habe ich stundenlang nach den Hashtags #ihaveembraced und #wehaveembraced geforscht und siehe da- Frauen überall auf der Welt haben Fotos gepostet und die hashtags verwendet. Tausende, die der Film inspiriert hat und die dies auch öffentlich äußern wollten.

Unendlich viele Frauen haben sich bedankt, ermutigt gefühlt und vielleicht sogar ein Einheitsgefühl erlangt.

I have embraced

Naja, so halb. Nach fast sieben Jahren Essstörung und jetzt, mit meinem natürlichen (Über) Gewicht nicht dem Idealbild entsprechend, versuche ich auch immer wieder, mich selber und andere Menschen dazu zu ermutigen, zu sich zu stehen. Oft Frage ich mich aber, warum man überhaupt zu sich stehen muss. Das impliziert doch irgendwie schon ein „trotzdem“. Trotz Übergewicht, trotz krummer Nase, trotz zu dünn sein. Warum nur? Warum ist diese Hülle so wichtig? Die Essstörung sitzt immer wie ein kleines Teufelchen auf meiner Schulter und manchmal sagt mir diese Stimme noch so furchtbare Sachen, dass ich sie hier nicht aufschreiben möchte. Aber mit Frauen, wie Tyran und der eigenen, Inneren Haltung, die diese gemeine Stimme bekämpft, fühle ich mich stark und umarmt

Für mich sind die zwei wichtigsten Erkenntnisse aus dem Film folgende:

1) Die obsessive Beschäftigung mit dem eigenen Aussehen nimmt uns Frauen, Macht, Einheit und Stärke.

2) Die armen, liebenden Männer. Wie wenig ernst genommen muss sich ein (mein) Mann fühlen, der immer wieder sagt, wie heiß, schön und attraktiv er seine Frau findet und ignoriert oder abgestraft wird. Damit sind wir nicht nur gemein zu uns, sondern erweitern unseren Selbsthass Kreis.

Der Film, seine Botschaft, Tyran, Nora, wir Freuen… Alles grandios.

Trotzdem möchte ich nich ein paar Dinge nennen, die mir persönlich nach dem Film komische Gefühle bereiten.

Ich sehe trotzdem noch, dass viele dicke Frauen dinge schreiben, wie „Männer brauchen was zum Anfassen“ zu Models „Kleiderständer“ sagen oder dünne Frauen anders beleidigen. So bringt das nichts.

Liebe Frauen, so schüren wir weiter Konkurrenz und geben Zusammenhalt und Macht ab. Wir sollten alle Frauen schätzen, lieben und das Schöne in ihr sehen.

Ich finde es irgendwie absurd, dass sich so viele, dicke Frauen jetzt dazu berufen fühlen, sich nackt zu fotografieren und über ihr neues Selbstbewusstsein posten. Erstens nehme ich das kaum jemandem ab und zweitens ruft da wohl die Anti Sexism Stimme in mir: „halt, stopp, wofür?“

Warum muss man denn das Instimste, das man besitzt, seinen eigenen Körper, überall so entblößen?

Werdet doch selbstbewusst und lasst die Klamotten an. Bei dieser neuen Body Positivity Welle muss sich ja nicht gleich jede Frau die Kleider vom Leib reisßen.

Bodypositivity als positive Diskriminierung

Ich sehe es ein wenig kritisch, wenn jetzt jeder schreit „auch Dicke können schön sein“ … „Behinderte auch“… Ganz seltsame Gefühle hat bei mir die RTL Show „Lets Dance“ ausgelöst, in der gleichzeitig das „dicke“ Model Angelina Kirsch und der Sportler mit Behinderung, Heinrich Popow, teilnehmen.

Immer wieder wird die Figur der Frau und die Behinderung des Mannes in den Vordergeund gestellt und benannt. Wäre diese Bodypositiviy Geschichte wirlich angekommen, würden da einfach ein paar mehr oder minder prominente Menschen tanzen. Ende. Aus. Kein „Trotzdem“

So sehe ich das in vielen Bereichen und es entsteht wieder eine andere Art von Ausgrenzung.

Ich hoffe wirklich, dass es eines Tages um Menschen geht und nicht mehr um bestimmte Klassifikationen. Deshalb habe ich schon vor langer Zeit geschrieben, warum ich Yoga für Übergewichtige für überflüssig halte.

Hast Du den Film auch gesehen? Was hat er mit Dir gemacht? Ich freue mich über Deinen Kommentar.

 

Deine Natascha

 

Den Film gab es leider nur an einem Tag im Kino zu sehen, aber Du kannst Ihn jetzt auf DVD kaufen.

Fotos @Majestic

 

 

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2 Responses to Embrace – der Film und seine Folgen

  1. Wibke says:

    Das hast du ganz toll geschrieben liebe Natti .
    Interessiert hätte mich der Film auch, hätte aber gedacht, daß er in unserem kleinen schnuckeligen Kino bereits ausgebucht gewesen ist.
    Bis Donnerstag

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