Vom depressiven Zyniker zum friedlichen Krieger – Gastbeitrag von Danny

Vom depressiven Zyniker zum friedlichen Krieger –
Wie Yoga meinen Umgang mit Depressionen veränderte

„Yoga. Ich. Jaja. Schon klar. Ich setze mich mit weißgewandeten Hausfrauen in einen Kreis und zünde singend Räucherstäbchen an. Das klingt großartig.“

Das war meine Reaktion, als mir ein Freund empfahl, es doch mal mit Yoga zu probieren.

Die Depression hatte mich zu diesem Zeitpunkt voll im Griff. Mit vernichtendem Zynismus hangelte ich mich durch den Alltag. War ich unter Menschen, kapselte ich mich bocklos von ihnen ab. War ich alleine, war ich traurig und weinte. Freude? Empfand ich kaum noch. Auf der Arbeit funktionierte ich und erfüllte perfektionistisch meine Pflichten mit den letzten Kräften. Ansonsten Lethargie. Antriebslosigkeit. Wer ich war? Ich wusste es nicht. Was ich wollte, von mir und vom Leben? Keine Ahnung. Wenn ich abends ins Bett ging, hoffte ich, nicht mehr aufzuwachen. Ich trank viel Alkohol und aß zu viel und zu ungesund. Ich existierte vor mich hin, von Tag zu Tag. War voller Emotionen, die ich nicht zeigen und nicht benennen konnte. Und füllte mein Leben doch nur mit einer Leere, die mich trauriger und trauriger werden ließ.

Ja, und dann kam Yoga. Mein Weg führte mich des öfteren an einem Yoga-Studio vorbei. Gratis-Probestunde stand dort an der Tür. Verstohlen schielte ich hin und wieder durch die Vorhänge. Und irgendwie war meine Neugier dann doch größer. Ich hatte ja nix zu verlieren, war ja gratis.

Gratis. Aber alles andere als umsonst. Denn nach 90 Minuten schwitzen, atmen und entspannen kaufte ich mir beseelt vor lauter After-Yoga-Happiness gleich eine Karte für die nächsten 10 Stunden. Ich fühlte mich seltsam großartig. Körperlich und geistig erfüllte mich etwas, dass ich schon lange nicht mehr gespürt hatte. Was es war? ich hatte keine Ahnung. Es war einfach da. Und es war toll. Selbst der Muskelkater am nächsten Tag machte mich auf eine seltsame Art sehr glücklich. Ich spürte meinen Körper und meine Seele. Kopf und Herz fühlten sich leichter an.

Yoga funktioniert. Auf unglaublich vielen Ebenen. Obwohl ich (noch) nicht dran glaubte.

Heute kann ich viele der für mich damals recht ungreifbaren Yoga-Phänomene besser deuten.
Alles, was während meiner Yogapraxis auf den knapp 2 Quadratmeter meiner Matte passiert, lässt sich auf mein Leben außerhalb des Yogastudios übertragen:

Ich höre auf meinen Körper.

Wenn mein Körper mir früher Warnsignale schickte, habe ich sie ignoriert, die Zähne zusammengebissen und mir keine Pause zugestanden. Heute weiß ich diese Zeichen zu deuten und nehme sie ernst. Mein Körper ist mein Vehikel, das mich durch dieses Leben trägt. Ich behandle ihn mit Respekt. Ich habe nur diesen einen.

Ich bin geduldig mit mir.

Im Yoga geht es nicht darum, auf dem Kopf zu stehen. Sondern darum, was man auf dem Weg dorthin über sich selber lernt. Und manchmal gibt es Grenzen, für deren Überschreitung man noch nicht bereit ist. Gute Dinge brauchen Zeit.

Ich vergleiche und beurteile nicht.

Im Yogastudio schaue ich schon lange nicht mehr auf die Matten neben mir sondern konzentriere mich ganz auf mich. Zugegeben, im Leben da draußen gelingt mir das nicht immer. Aber ich bin achtsamer geworden in den Situationen, in denen ich mich selbst in einen vernichtenden Vergleich mit anderen stelle.
So wie ich die Qualität einer Asana nur wahrnehme und nicht bewerte, versuche ich auch alles andere wertfrei zu sehen und nicht zu urteilen.

Ich lasse Emotionen zu.

Nach einer handvoll Yogastunden merkte ich es. Es fühlte sich an, wie ein Klumpen, der sich langsam in mir auflöste. Als würde eine Blockade langsam zerbrechen. Und dann passierte das Unfassbare: ich weinte. Während einer Yogaklasse. Mitten im Raum vor etwa 30 anderen Menschen. Ich streckte meinen Körper in einen Krieger Nr. 3 und ließ die Tränen laufen. Bis heute weiß ich nicht, was sich in diesem Moment von mir verabschiedet hat. Aber es war etwas Riesengroßes. Noch immer gibt es Yogaklassen, die mich zu Tränen rühren. Und ich genieße jede einzelne davon. Es fühlt sich unglaublich gut an!
Ich liebe die Warmherzigkeit der Yogis untereinander. Es half mir, meinen emotionalen Panzer abzustreifen.

Ich höre meiner Seele zu!

Viel zu selten ging ich früher in einen ehrlichen Dialog mit mir selbst. Ängste, Träume, Sehnsüchte, Wünsche, Neugier. Woher sollte ich sie kennen? Ich war ihnen ja nie wirklich begegnet.
Wenn ich meditiere, habe ich ein Date mit meiner Seele. Es ist immer sehr schön, wenn wir uns treffen. Sie hat viel zu sagen.

Ich überwinde meine Angst.

Wo ich mich früher in der bequemen Opferrolle ausgeruht habe, versuche ich heute nun selber mein Leben zu gestalten. Ich konfrontiere mich mit Ängsten und Hemmungen. Anstatt nach Ausreden zu suchen, warum ich keinen Handstand machen kann, probiere ich ihn einfach mal aus und schaue, was passiert.
Um etwas zu verändern, musste ich mich bewegen. Dorthin gehen, wo es auch mal unbequem ist. Der Zauber beginnt, wenn meine Komfortzone endet und die guten Dinge werden immer aus meinem Mut geboren.

Ich bleib locker.

So wie ich es gelernt habe, mehrere Minuten mit ruhigem Geist und ohne Drama in einer unbequemen Asana zu sitzen, habe ich auch gelernt, in herausfordernden Situationen des Alltags gelassener zu bleiben.
Die meisten Dramen werden durch uns selbst kreiert. Dabei hilft es nicht, sich emotional in Dinge hineinzusteigern. Tief durchatmen und lächeln. Auch das hier geht vorbei.

Heute bin ich seit 6 Jahren regelmäßig auf der Yogamatte. Ich habe ein 200-stündiges Teacher-Training absolviert, eigene kleine Anfängergruppen unterrichtet und yogische Lehren und Meditation in mein Leben integriert.

Und was macht meine Depression?

Tja, die ist leider immer noch da. Sie macht mir in aller Regelmäßigkeit das Leben schwer und versucht, mich zurück auf den Grund zu zerren. Sie kommt in Momenten, in denen ich sie am wenigsten erwarte und schafft es immer noch, mich umzuhauen, dass ich wie ein angzählter Boxer in den Seilen hänge.

Doch es haben sich einige Dinge geändert:
Ich habe meiner Depression mittlerweile eine ganze Menge entgegenzusetzen.
Ich gebe mich ihr nicht mehr passiv hin. Ich stelle mich ihr entgegen. Ich habe genug Kraft, Gelassenheit und Selbstliebe, um dies zu tun.

und:
Ich habe gelernt, mich selbst zu reflektieren.
Was macht mich traurig? Warum bin ich so streng mit mir? Warum reagiere ich so und nicht anders?
Ich bringe genug Mut und Geduld auf, mir diese Fragen zu stellen. Und ich habe die innere Stärke und Geduld, um sie zu beantworten und meine Konsequenzen aus den Antworten zu ziehen.

Yoga hilft mir hierbei. Jeden Tag.

 

 

happydarkcloud_danny2
Ich bin Danny. Jahrgang 1980. Ich bin Grafikdesignerin, lebe in Hamburg
und liebe das Reisen, Bücher, Yoga, Freiheit und das Leben im Großen und
Ganzen. Auf meinem Blog Happy Dark Cloud schreibe ich offen über meinen
Burn-Out und meine Depressionserkrankung aber auch über meine berufliche
Auszeit und meinen Weg zurück in ein glückliches, selbstbestimmtes und
angstfreies (Arbeits)Leben.

 

 

Foto: Danny

Beitragsbild: pixabay

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